"Wie war's?"

Liebes Deutschland,


ich habe dich gern. Ich habe dich vermisst, als ich so weit weg war. Ich liebe deine Sauberkeit, deine Pünktlichkeit, dass du meine Muttersprache sprichst, dass nicht immer um den heißen Brei herumgeredet wird. Ich liebe es, eine von Vielen sein zu können, wenn ich es will. Ich liebe deine Ruhe. Ich liebe es, Vieles selber tun zu können und nicht immer Hilfe zu benötigen.


Aber manchmal bist du mir einfach ein Bisschen zu sauber, zu pünktlich und zu transparent. Ich vermisse es, eine Straße entlang zu laufen und Ausschau zu halten nach Zeichen, die ich schon lesen kann. Hier verstehe ich alle Schilder, alle Gespräche, alles. Das ist langweilig, aber auch anstrengend. Plötzlich muss ich lernen, fremde Gespräche auszufiltern. Plötzlich bin ich nur einer von Vielen, ich bin angreifbar. Bin nicht mehr geschützt, kann Unwissenheit und Fettnäpfchen getrete nicht auf ein Ausländerdasein zurückführen. Muss plötzlich alles selber tun, kriege keine Hilfestellung.


Du bist mir zu ruhig, liebes Deutschland. Wieso tanzt keiner auf der Straße, wieso spielt keiner auf dem Bürgersteig Federball? Wieso stehen vor meiner Haustür keine zehn Elektroroller, deren Alarmanlagen ständig losgehen? Du bist mir zu perfekt. Jede Hecke perfekt geschnitten. Kleinbürgerlich. Es funktioniert alles, keine Frage. Aber wo bleibt die Improvisation, das Spontane, das Zusammengeflickte, das Fremde, das Nudel-Geschlürfe, die Handy-Gespräche über Lautsprecher?


Vielleicht ist aber auch das Fremde in der Ferne mir so selbstverständlich geworden, dass mir das Bekannte in Deutschland fremd vorkommt?


Liebes Deutschland, bitte frag mich nicht: "Wie war's?" Ernsthaft, was erwartest Du für eine Antwort? Wie viel Zeit hast Du, wie viel Interesse bringst Du mit? Meine Antwort auf so eine Frage lässt sich nicht auf zwei Sätze reduzieren, geschweige denn ein Wort. Ob ich nun "super!", "unglaublich!", "ganz anders" oder "Schwierig, aber trotzdem eine wahnsinnige Erfahrung, ich bin froh, es getan zu haben" von mir gebe – ich werde dem Gefühl in mir nicht gerecht.


Dem Gefühl, das mir sagt: So spontan und unbeholfen wie mein Gegenüber mich anschaut, so schwammig wie die Frage gestellt wurde, genauso unbeholfen und schwammig ist meine Antwort.

Erfahrungen lassen sich nicht in Worte fassen. Nicht so, auf dem Sprung. Bringt nichts. Vertreibt nur kurzfristig das Gefühl, etwas small talk betrieben zu haben und höflich gewesen zu sein.


Liebes Deutschland, wenn Du wirklich wirklich für mich interessierst, dann stell mir bitte konkrete Fragen. Was schwierig war, was toll war, was ich für Kollegen oder Schüler hatte, was ich aß, was ich in meiner Freizeit tat, wo ich hingereist bin, ob ich krank war. Welche Sprache ich versuchte, zu lernen (übrigens: Mandarin). Bitte versuch nicht, Chinesisch zu sprechen. Nein, ich kann Dir nicht sagen, was "shing shang shong" heißt.


Ich erwarte nicht, dass Du viel über mein Jahr weißt. Aber ich erwarte, dass Du offen fragst, statt einfach anzunehmen. Ich erwarte, dass Du ehrlich zu mir bist, so wie ich auch zu Dir ehrlich sein möchte. Vorausgesetzt, du möchtest mit mir über mein Jahr reden. Wenn nicht, ist das auch okay. Ich mache nur ungern halbe Sachen, also entweder Du interessierst Dich wirklich oder Du lässt die Fragen ganz bleiben. Von mir aus muss ich nicht über China reden. Dankeschön!


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