...und die letzte Unterrichtswoche bricht an

Montagmorgen, 1. Stunde. Lehrerzimmer. Ich, eine weitere Lehrerin, ein Schüler und seine Mutter sind anwesend, außerdem eine zweite Schülerin, die am PC sitzt und die Vokabeln für ihren Kurs abtippt.

 

Die Lehrerin sitzt an ihrem Schreibtisch. Vor ihr der Schüler. Sie redet eindringlich auf ihn ein. Sein Kopf ist gesenkt, er schweigt – auch wenn ihm rhetorische Fragen gestellt werden. Seine Mutter steht dahinter, mit dem Rücken zu ihm. Ich höre ein Schniefen und vernehme, dass sie weint.

 

Die Lehrerin steht auf. Ich höre einen dumpfen Schlag. Dann eine Ohrfeige. Sie redet weiter. Ich starre weiter auf meinen PC, gucke mich nicht um, erspare dem Schüler und seine Mutter diese Pein. Die Vokabeln abtippende Schülerin rührt sich ebenfalls nicht. Irgendwann ist es dann auch vorbei.

 

Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ob der Schüler in irgendwelchen Klausuren schlecht abschnitt, ob er seine Hausaufgaben nicht machte, mit seinem Handy im Unterricht erwischt wurde, den Unterricht störte, zu spät kam, und/oder ...

 

Dieser Vorfall ist kein Einzelfall. Wenn so die neue Woche beginnt, … es tut mir weh. Es ist meine letzte Woche, für mich ist es bald vorbei. Allerdings betrifft mich das Ganze eh nur peripher: Es sind meine Schüler, die so diszipliniert werden und es sind meine Kollegen, die so disziplinieren. Ich werde und wurde nicht so diszipliniert und es wird auch nicht erwartet, dass ich mich auf die Art und Weise bemühe, durchzugreifen.

 

Ich bin bald weg, aber meine Schüler bleiben und meine Kollegen bleiben. Was soll sich denn schon ändern? Schlagen ist verboten, sagt Peking.

 

Peking hat mir in der Vergangenheit schon befohlen, wieder bis 17:50 im Lehrerzimmer zu verweilen statt früher gehen zu dürfen. Peking hat mir auch schon verboten, BesucherInnen bei mir übernachten zu lassen.

 

Wieso kriegt Peking es dann nicht hin, etwas m.E. viel Wichtigeres durchzusetzen? Weil Peking 1600km weit weg ist und weil es (wider erwarten!) nicht von heute auf morgen ein Umdenken erwirken kann. Sonst traue ich Peking ja so einiges zu...

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Jürgen (Montag, 23 Juni 2014 22:22)

    "Wieso kriegt Peking es dann nicht hin?"
    Weil im System Gewalt verankert ist.

  • #2

    Jürgen (Dienstag, 24 Juni 2014 22:19)

    ... und weil oberstes Ziel Wirtschaftswachstum ist.

  • #3

    frau henner (Mittwoch, 25 Juni 2014 10:26)

    Die Strukturen sind gewachsen und verankert, es hat nicht nur etwas mit Wirtschaft zu tun, denke ich, sondern auch etwas mit dem eigenen Selbstverständnis.

  • #4

    chinadya (Mittwoch, 25 Juni 2014 13:32)

    Denkstrukturen und Verhaltensmuster lassen sich eben nicht ohne Weiteres durchbrechen. Das merke ich auch an meiner eigenen Person.
    Außerdem ist es sicherlich nicht einfach, sich als einzelne Person nicht dieser Form der Bestrafung zu bedienen - Womit soll man die Klasse sonst im Griff halten? Sie kennen es ja auch nicht anders ...
    Jedenfalls habe ich, als ich im Unterricht das deutsche mit dem chinesischen Schulsystem verglich, immer wieder betont, dass in Dt. grundsätzlich nicht geschlagen wird.

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