Die Welt steht kopf

oder: Wenn sich Besuch ankündigt

Wie jeden Montagmorgen um 7:50 falle ich kurz vor knapp durch das Schultor und stelle mich zu den anderen Lehrern, die gelangweilt warten, dass die flag raising ceremony beginnt. Ein paar Schüler putzen, ein paar Schüler rennen um den Sportplatz, viele Klassen stellen sich schon auf. Ein gewöhnlicher Montagmorgen eben. Bis eine ungewöhnliche Ansage ins Mikro gebellt wird, woraufhin alle Schüler auf Kommando den Sportplatz verlassen und in ihre Klassenzimmer gehen!

 

"What is going on?" "Today some leaders (Beamte) from the Gansu department of education (Bildungsministerium der Provinz Gansu) will come. So, the students have to clean the whole school."

 

Im Laufe des Vormittages geschieht fast nichts. Eine Schülerin bittet mich lediglich um den Schlüssel zu dem Klassenraum, in dem ich immer meine Englisch-AG halte, um ihn zu putzen. Gegen zehn frage ich, wann die leaders denn nun kommen. Irgendwann morgens, die Uhrzeit wisse man nicht so genau. Nun gut. In meiner Unterrichtsstunde bleibt jedoch alles ruhig.

 

In meiner ersten Nachmittagsstunde schauen regelmäßig der Stufenkoordinator und die Englischlehrerin herein, um die Schüler zur Ruhe zu ermahnen. Ich versuche, zu protestieren: + "But they are playing a board game. They have to talk!" - "Shhhhhhhhhhhh...." + "Okay, class, talk quietly."

 

In der zweiten Nachmittagsstunde schauen in den ersten fünfundzwanzig Minuten jetzt die Klassenlehrerin, wieder der Stufenkoordinator sowie zwei weitere Lehrer regelmäßig in das Klassenzimmer hinein und geben Anweisungen von sich. Die Klasse wird kurzzeitig leise, dann jedoch wieder lauter, da sie – wie oben erwähnt – in Kleingruppen spielen und miteinander reden. Irgendwann kommt eine der englischen Sprache fähigen Lehrerin hinein und sagt mir: "They have to be quiet in case leaders come in and look at the class. Tell them to do homework!" Ich beende also Half über Kopf mein Würfelspiel und ermahne sie energisch, Hausaufgaben zu machen: "Give me your paper and the dice! NOW! Keep quiet! Do homework! QUICKLY!" So viel zum Lernziel "Im Unterricht werden keine Hausaufgaben gemacht"...

 

Stehe also gelangweilt und ratlos vorne während der eine mit Mathe beschäftigt ist, der andere mit Geschichte und der dritte wiederum mit Physik. "Just keep quiet! Work!" Irgendwann beginne ich, mich an der Tafel mit Geometrie und Chemie zu beschäftigen. In verschiedenen Farben und auf Englisch (CO2 = carbon dioxide), damit es wenigstens so aussieht, als hätten wir in der Stunde inhaltlich etwas erarbeitet.

 

Eine Minute vor Ende der Stunde lugt die Klassenlehrerin erneut rein und teilt mir mit, dass ich den eh nicht stattfindenden Unterricht noch nicht beenden darf, da die leaders ein paar Räume weiter eine Konferenz haben und es im Flur leise bleiben muss. "Okay, guys, 15 more minutes … Just do your homework." Irgendwann darf jeder in die wohlverdiente Pause und die Klasse atmet spürbar auf.

 

Heute bekamen meine Schule Besuch von leaders.

 

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Ob man in Deutschland die stürmische Gruppenarbeit (die nebenbei super mündliches Englisch fördert) unterbrochen und stattdessen Stillarbeit angeordnet hätte, wenn wichtiger Besuch kommt?

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Kommentare: 2
  • #1

    Frau Henner (Montag, 26 Mai 2014 15:17)

    Nee, man hätte gerade die Würfel rausgeholt und überall farbige Zettel aufgehängt, die Tische umgestellt... aber geputzt hätte man auch vorher, das ist wahrscheinlich überall auf der Welt so.
    Aber, sag mal, wie wichtig sind denn die leaders wirklich?

  • #2

    chinadya (Montag, 26 Mai 2014 15:25)

    Ich weiß nicht genau, was es für leaders waren, geschweige denn, was genau der Grund ihres Besuchs war. Eigentlich rechnete ich fest damit, Bekanntschaft mit ihnen zu machen, weil wir 外教 (waijiao = ausländischen Lehrer) gerne "präsentiert" werden. Statussymbol und so. Passierte aber nicht. So wichtig kann das Treffen also nicht gewesen sein...
    Grundsätzlich ist aber jeder, der für die Regierung arbeitet, wichtig.

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