Plus und Minus

Ich betrete das Klassenzimmer und alle Schüler holen selbstverständlich ihr notebook und ihr name card heraus, sodass ich diese beiden Wörter gar nicht erst in den Mund nehmen muss. Es klingelt, irgendjemand brüllt "stand up!" und die Klasse grüßt mich geschlossen. Der Unterricht beginnt. Die Schüler melden sich, um etwas zu sagen, statt die Antwort einfach herauszurufen oder ihrem Nachbar zuzuflüstern beziehungsweise ganz für sich zu behalten. Keiner posaunt chinesische Wortfetzen in den Raum, sodass die ganze Klasse lacht und ich als Einzige vorne stehe und nichts verstehe. Ich muss kein einziges Mal "quiet!" rufen.

 

… Und dann wache ich auf und stelle mich der Realität. Schnief.

 

Genervt von dem Verhalten meiner Schüler, von meinem Unterricht; davon, dass ich so apathisch bin, stehe ich wartend im Schulflur. Eine Siebtklässlerin kommt aus einem Klassenzimmer herausgestürmt, rennt, bremst ein paar Meter vor mir ab, läuft näher zu mir, bleibt stehen, verbeugt sich höflich und sprintet weiter.

Ein paar Minuten später – ich bin noch an der gleichen Stelle – kommt dieselbe Schülerin wieder vorbei und verbeugt sich erneut; ungeachtet der Tatsache, dass sie spät dran ist und einen schweren Stapel Bücher in der Hand hat.

 

Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre, wie eine Schülerin sich dem Lehrerzimmer nähert. Sie sieht, dass ich alleine bin, und fragt ganz selbstverständlich "May I come in?", statt das obligatorische "报告" (bàogào = report, reporting) von sich zu geben, mit dem alle Schüler um Erlaubnis bitten, bevor sie das Heiligtum betreten.

 

DANKE, ihr beiden.

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Kommentare: 3
  • #1

    Frau Henner (Mittwoch, 26 März 2014 15:01)

    Welche Rolle man für andere spielt, merkt man oft nicht sofort.

  • #2

    chinadya (Mittwoch, 26 März 2014 15:46)

    Oder viel zu spät. Beim Abschied, beispielsweise. Naja, ich bin gespannt, was in den nächsten Monaten noch so passiert.

  • #3

    Jürgen (Mittwoch, 26 März 2014 18:59)

    Ein Zeichen großen Respekts.

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