Schule und Unterricht: Ein Überblick

Gansu, die Provinz in der ich lebe, ist eine der drei ärmsten Chinas. Jiuquan, mein Einsatzort, ist allerdings eine mittelgroße Kleinstadt. Ich mutmaße, dass die Leute hier wohlhabender sind als in noch kleineren Städten beziehungsweise Dörfern. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind zumindest für die letzten Schuljahre hier oder in der Nachbarstadt zur Schule. 

 

Am Anfang des Schuljahres hat es dennoch ein paar Monate gedauert, bis alle Siebtklässler in Schuluniform erschienen – Mir wurde erklärt, dass vielen Familien bis dahin das Geld fehlte. Ansonsten war Armut aber nie ein Thema. Den Schülern, die mir erzählen, sie hätten kein Geld für ein Heft (umgerechnet 12 eurocent), schenke ich wenig Glauben. Alle bis jetzt von mir eingesackten Handys waren smartphones.

 

Die chinesische Grundschule geht von der ersten bis zur sechsten Klasse. Von der siebten bis zur neunten durchlaufen alle Kinder die untere Mittelschule. Diese sind wie die Grundschule Gesamtschulen mit Einzugsgebieten.

 

Am Ende der neunten Klasse entscheidet dann eine Klausur darüber, ob bzw. welche höhere Mittelschule man besuchen darf (sind die Ergebnisse zu schlecht, muss man die Schule verlassen. Ob man dann anfängt zu arbeiten oder eine Art Ausbildungsplatz bzw. eine Stelle an einem Berufskolleg findet, sei dahingestellt.)

 

Letztes Halbjahr kamen alle zwölf siebten Klassen einmal die Woche in den Genuss meines Unterrichts, dieses Halbjahr bespaße ich die achten Klassen einer gewöhnlichen unteren Mittelschule. Die Klassengröße schwankt zwischen 48 und 58 Schülern.

 

Manche Schüler besitzen beachtenswerte Englischkenntnisse, da ihre Eltern es sich leisten können, sie am Wochenende in private Englischinstitute zu stecken. Es erstaunt mich immer wieder, dass es in der achten Klasse zahlreiche Jungs und Mädchen gibt, mit denen ich tatsächlich Unterhaltungen führen kann! Manche Schüler verstehen wiederum kaum ein Wort Englisch.

 

Zu sagen, das Niveau des durchschnittlichen Schülers sei miserabel, würde dem Sachverhalt nicht gerecht werden. Es geht in der siebten Klasse mit dem Alphabet und "Hello" los, obwohl ca. 90% der Schüler in der Grundschule schon ab der dritten Klasse Englisch haben. Wenn man im normalen Unterricht also gerade die Grußformeln lernt und parallel dazu eine Stunde die Woche hat, in der ein Ausländer einen 40 Minuten lang auf Englisch vollschwafelt und irritiert ist, weil einfache Anweisungen wie "sit down", "write it down" oder "put up your hand" nicht verstanden werden, ist klar, dass das Frustrationspotenzial auf beiden Seiten sehr hoch und der Lerneffekt wahrscheinlich eher gering ist.

 

Grundsätzlich fällt mir auf, dass der Großteil meiner Schüler einen enormen Wortschatz besitzt (und auch viele, viele Lehrbuchtexte auswendig kann) aber damit kämpft, diese Wörter richtig anzuwenden und/oder selbständig Sätze zu bilden. Allein durch meine Anwesenheit sind sie jedoch dazu gezwungen, da ich kaum Chinesisch beherrsche.

 

Liebe Frau Henner, das war der Versuch eines kurzen Überblickes. Sie haben Recht, es ist schwer, wenn man selber so tief in der Materie drinsteckt.

 

Am Ende des letzten Halbjahres musste ich für meine Schule einen Aufsatz über mündliches Englisch verfassen, den ich auch meinen Bloglesern nicht vorenthalten möchte:

Teaching Englisch – Why and How

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Jürgen (Mittwoch, 12 März 2014 20:30)

    Das kennen wir auch: Ein Smartphone besitzen, aber das Workbook oder das Mittagessen nicht bezahlen können.
    Eine Frage der Priorität von Eltern und Schülern.

  • #2

    chinadya (Donnerstag, 13 März 2014 13:55)

    Oder der Bedeutung, die meinem Unterricht beigemessen wird.
    Heute wollten etliche Schüler mir klar machen, dass sie nicht mitschreiben können, weil sie kein notebook haben - und auch nirgends ein Blatt Papier aufgabeln können. Irritiert waren sie, als ich kommentarlos mein Heft nahm, Blätter rausriss und austeilte :D

  • #3

    Frau Henner (Samstag, 15 März 2014 17:21)

    Jetzt kann ich mir das schon besser vorstellen, allerdings, wo haben Sie überhaupt chinesisch gelernt? Es ist ja nicht so, dass man da mal einen Schnellkurs macht. Allein die Aussprache... unterscheidet sich schon sehr.
    Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Gesellschaft in der Stadt dort recht gespalten ist, Neues neben Altem, Tradition und Moderne, arm und reich? Das macht es sicher besonders schwierig.
    Eine Frage noch: wie viel Disziplin wird im Allgemeinen an den Schulen eingefordert. Geht es eher um Gleichschaltung oder ums Freidenken?
    viele Grüße von Frau Henner

  • #4

    chinadya (Mittwoch, 26 März 2014 16:18)

    Ich kam mit gar keinen Chinesischkenntnissen hierher. Während unseres Vorbereitungsseminars hatten wir einen zweiwöchigen Sprachkurs. Und seitdem ich in meinem Einsatzort bin, habe ich theoretisch im Durchschnitt drei Stunden Chinesischunterricht die Woche. Theoretisch, weil es eben China ist und selten irgendetwas nach Plan verläuft. Im Alltag lernt man zwangsläufig, sich mit den wichtigsten Sätzen sowie Händen und Füßen durchzuwurschteln, da so gut wie gar keiner Englisch beherrscht.
    Im Osten und Süden dieses Landes gibt es viel mehr Menschen, die Englisch können.

    Von der Zeit vor der Kulturrevolution ist in meiner Einsatzstadt nur ein Glockenturm übrig. Ob die Gesellschaft an sich sehr gespalten ist, kann ich schwer beurteilen. Es gibt aber sowohl sehr arme als auch sehr reiche Personen, notdürftige Unterkünfte sowie ein Luxus-Einkaufszentrum (in dem man selten Kunden sieht).

    Die Disziplin ist mir auch jetzt noch immer ein Rätsel. Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist auf jeden Fall ganz anders als in Deutschland. Die Lehrer sind im Unterricht und im Lehrerzimmer meist streng und unnahbar ("Man hat nicht zu lächeln"), spielen aber dann in der großen Pause mit ihren Schülern Fußball oder reden im Gang kameradschaftlich mit ihnen. Grundsätzlich ist es aber natürlich so, dass Lehrer im ganzen Hierarchiegefüge weiter oben stehen und Schüler somit abkommandieren können, Hefte einzusammeln, ins Lehrerzimmer zu tragen, wieder abzuholen; heißes Wasser zu holen, zu kehren, die Tafel zu wischen usw.

    Ob es um Gleichschaltung oder ums Freidenken geht, vermag ich auch nicht zu beurteilen - Stichwort Internetzensur...
    Ich würde sagen: Es geht darum, in den Klausuren die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen und schlichtweg viel auswendig zu können, mehr zu wissen als die Mitschüler. Es herrscht ein immerwährender Konkurrenzkampf.
    Und dennoch sind es nur pubertierende, aufmüpfige Siebt- und Achtklässler, die (in der Pause) gerne Musik am Smartboard hören, (leider auch im Unterricht) am Handy zocken und in ihrer Freizeit gerne Sport treiben oder Klavier spielen.

    Viele Grüße,
    Nadya

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