Schule und Machtverhältnisse

Nach der Stunde kommt ein Schüler, dessen Handy irgendwann im Laufe der letzten vierzig Minuten in meiner Hosentasche landete, ans Lehrerpult und redet auf Chinesisch auf mich ein. Ich verstehe, dass das Handy seiner Mutter gehört, aber mehr auch nicht. Und bin verwirrt, habe ich ihm doch schon zugesagt, das Handy heute ausnahmsweise nach Schulschluss wieder auszuhändigen, statt es wie angekündigt in Zukunft länger zu verwahren. Da kriegt die Mutter doch nichts mit.

 

Die Klassensprecherin versteht seine Verzweiflung jedoch und sagt zögernd "...But you will tell the head teacher, won't you? He is afraid that his mother will beat him." - Meine Antwort: "Tell him that I won't tell the head teacher this time. It's okay."

 

In meinem Kopf fügen sich allerdings einige Puzzleteile zusammen... Es scheint mir, dass normalerweise jedes Vorkommnis entweder vom Fachlehrer oder dem Klassensprecher dem head teacher (Klassenlehrer) gemeldet wird. Dieser setzt wiederum die Eltern seiner Sprösslinge über ihre Untaten in Kenntnis (sonst hätte der Schüler nicht Angst, von seiner Mutter geschlagen zu werden). 

 

Die Schüler werden also nicht nur eventuell vor der Klasse zur Schau gestellt (wurde mir auch schon als Druckmittel empfohlen) und/oder vom jeweiligen Fachlehrer bestraft, nein, Klassenlehrer und Eltern werden auch gleich mit ins Boot gezogen.

 

Es erklärt, wieso die Schüler SO zögerlich ihre Mobiltelefone rausrücken, auch wenn ich ihnen sofort mitteile, wann sie es wieder kriegen. Habe ICH das Gerät in der Hand, ist es amtlich. Bei ihnen besteht die begründete Angst, dass ich sie verpetze; sei es nun beim Englischlehrer, beim Klassenlehrer oder bei wemauchimmerderhöhergestelltistalsich. Das wäre viel schlimmer, als ein paar Stunden (oder eine Nacht) ohne Handy auskommen zu müssen.

 

Es erklärt, wieso die Schüler meine Regeln (keine Handys, keine Hausaufgaben) ziemlich uninteressant finden, bis ich zu den Konsequenzen komme: Bei drei Regelverstößen gehe ich zum Klassenlehrer. Verkünde ich das, wird es zwar nicht ruhig, aber zumindest ruhiger als vorher im Klassenzimmer. Meist gibt dann noch jemand "no, no, no" von sich. Es wirkt, vorausgesetzt, ich ziehe es durch.

 

Was steckt hinter allem? (Die Macht der) Hierarchie.

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Kommentare: 3
  • #1

    Jürgen (Mittwoch, 12 März 2014 20:24)

    Es ist außerordentlich wichtig, kosequent zu sein. Die SchülerInnen brauchen einen festen Rahmen.

  • #2

    chinadya (Donnerstag, 13 März 2014 14:13)

    Ja. Nur war das der erste Unterrichtstag und bis zu dem Gespräch nach der Stunde wusste ich nicht, dass es head teachers gibt. Ich konnte mit dem Begriff nichts anfangen (und dementsprechend auch gar nicht sagen "Lass uns zum head teacher gehen", da ich nicht wusste, wer das ist). Im Anschluss fragte ich andere Englischlehrer, wer head teachers sind.
    Genau das ist das Problem, mit dem ich tagtäglich konfrontiert werde: Ich stecke in einem Hierarchiegefüge, dessen Existenz sich mir nur stückchenweise offenbart. Wenn diese Schülerin nicht gefragt hätte, ob ich zum head teacher gehe, hätte ich nie erfahren, dass das üblich ist. (An dieser Stelle ein fettes "Dankeschön" an sie!).

    Das Handy hat der Schüler ausnahmsweise nach Schulschluss ausgehändigt bekommen, weil ich zu dem Zeitpunkt des Erwischens - wie gesagt, es war die erste Stunde - noch nicht zu den Konsequenzen des Handy-Zockens, Hausaufgaben-Machens, Zu-spät-Kommens und/oder Kein-Heft-oder-Namensschild-Habens vorgedrungen war.
    Da mittlerweile aber alle Klassen wissen, dass ich das Handy über Nacht behalte und bei drei Regelverstößen jeder Art (d.h. drei Verwarnungen) zum Klassenlehrer gehe, werde ich dies auch so durchsetzen.
    Was soll ich sagen? Ich habe diese Woche noch kein einziges Handy zu Gesicht bekommen!

    Heute wurde ich dann mit dem Problem konfrontiert, das nur ausländische Lehrer hier überhaupt haben können:
    Ein Schüler bekam eine Verwarnung, was ich auch sehr deutlich aussprach. Da ich aber angekündigt hatte, jede Verwarnung auch anzuschreiben und sehr wohl weiß, dass der englische Name "keine Macht" besitzt, stand ich wie ein Depp da vorne und hatte keinen blassen Schimmer, wie ich die Schriftzeichen seines chinesischen Namens anpinsele... Also: Erst einmal herausfinden, wer Klassensprecher ist, indem ich erkläre, was ein Klassensprecher überhaupt ist, und dann dem erklären, dass er den Namen anschreiben soll.
    In solchen Momenten fühle ich mich ziemlich machtlos.

  • #3

    chinadya (Donnerstag, 13 März 2014 14:18)

    Achso, wieso ich mir nicht vorstellen konnte, wer ein head teacher ist: Es gibt in jedem Fach einen anderen Klassensprecher, es gibt einen Schüler, der für die Technik zuständig ist, einer für die Tafel, einer für den Boden, einer für die Fenster (also nicht wirklich, aber gefühlt halt schon); es gibt zwei Klassenlehrer, es gibt Lehrer, die für eine ganze Stufe zuständig sind und welche, die für ein bestimmtes Fach einer ganzen - oder auch nur einer - Stufe zuständig sind; es gibt vier (oder sechs?) Schulleiter, ... kurzum: Es gibt so gut wie alles, da blicke ich auch nach einem halben Jahr noch nicht durch.

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